Mallorca in Not

Kolumnist Mallorca - Rauchverbot auf Mallorca - Tourismus ade
Ist es eine neue, ganz besonders ausgeklügelte Form des Faschismus, der sich seit geraumer Zeit ganz langsam, schleichend in unseren Gesellschaftssystemen ausbreitet?
Nicht auf den ersten Blick sichtbar und begreifbar, ganz subtil, eine Art des neuen, modernen Faschismus, gegen den wir alle nicht gewappnet zu sein scheinen?
Gerade eben noch, direkt vor meiner Haustür, an der wunderbaren Promenade in Portixol, spricht mich ein Mallorca-Stammgast an. Ich treffe ihn all die Jahre üblicherweise immer mal wieder in einer meiner gemütlichen Stammkneipen, in die ich mich regelmässig zurückzuziehen pflege, um bei einem Glas Wein und zuweilen auch einer guten Zigarre über Dieses und Jenes nachzugrübeln.
Nachzugrübeln über die schier endlos scheinenden, immer wiederkehrenden, zumeist noch unzureichend oder gänzlich unbeantworteten Fragen des Lebens, manchmal auch über allerlei Belanglosigkeiten oder, wie sich dies gerade jetzt geradezu aufdrängt, einfach nur über das aktuelle Zeitgeschehen zu diskutieren.
Während ich diese wunderschöne Promenade entlang schlendere und gerade darüber grübele, ob ich mich auf eine der zahlreichen von Palmen gesäumten Bänke setzen und diesen jedesmal aufs Neue so herrlichen Ausblick auf die Bucht von Palma geniessen soll, schreckt mich unvermittelt eine laute Stimme aus meinen Tagträumen.
"Hola Marlon", vernehme ich, wende mich nur langsam und widerstrebend um, und während ich noch überlege wer mich da wohl so unliebsam aus meinen Gedanken reissen mag, schallt es mir entgegen, "wie geht es Dir? Wir vermissen Deine Kolumnen? Wir dachten schon Dich gibts nicht mehr".
Ich bin immer noch etwas unschlüssig, ob ich mich über diese Störung meiner Grübeleien nun gewaltig ärgern oder vielleicht doch besser freuen soll. Ich resigniere, entscheide mich für das Letztere und sodann lichtet sich der Gedankenschleier. Mein gerade noch trüber Blick wird klarer und klarer, und kaum nehme ich die Umrisse meines Gegenüber in nahzu vollem Bewusstsein wahr, erkenne ich diesen auch auf Anhieb wieder.
Diesen kleinen, ein klein wenig beleibten Mann, der mich, mit beiden Händen forsch nach meiner Rechten greifend, mit einem altbekannten, so erfrischend aufrichtigen, strahlenden Gesichtsausdruck anschaut, dass es mir unwillkürlich, ohne dass ich etwas dagegen hätte unternehmen können, ebenfalls ein Lächeln in mein Antlitz zaubert.
Hocherfreut entfuhr es mir, Herr Professor, Ernesto, Du wieder auf der Insel, wie geht es Dir? Nur zu gerne gab ich ihm zu verstehen, dass es mir eine Freude bereiten würde, wenn er gemeinsam mit mir diesen wunderbaren Platz unter den Palmen einnehmen würde.
Wie oft haben wir schon miteinander diskutiert, fällt es mir ein, während ich es mir auf dieser romantischen Bank so bequem wie nur möglich mache. Ein angenehmer, blitzgescheiter Zeitgenosse, immer gedanklich hellwach, haarscharf, über dessen plötzliches Auftauchen man sich eigentlich immer wieder aufs Neue einfach nur freuen kann.
Ich habe mich einige Zeit ausklinken müssen, erkläre ich ihm, zuerst krankheitsbedingt, und dann aufgrund der grossen Probleme, in der die Insel Mallorca seit längerer Zeit leider Gottes steckt. Die Not auf des Kolumnisten Lieblingsinsel ist gross, fürwahr. Eine Arbeitslosigkeit, die ich in mehr als 25 Jahren meines Inseldaseins in diesem Ausmass noch nicht erlebt habe. Offiziell zwanzig Prozent, aber tatsächlich eher zwischen 30 und 40 Prozent.
Genauso offiziell haben die Balearen 25 Prozent Minus bei den Besucherzahlen, aber die berühmt-berüchtigte Dunkelziffer ist auch hier leider viel höher. Etliche Betroffene sprechen von 40 bis 50 Prozent Rückgang und gar noch mehr. Mit allen Konsequenzen für uns Insulaner, und für viele meiner Freunde.
Und da packe ich nunmal mit an, erkläre ich meinem Gegenüber, helfe, wo es nur geht, wenn gleich meine bescheidenen Möglichkeiten zu helfen im Vergleich zu dem tagtäglich auf der Insel erlebten Schreckensszenario verschwindend gering erscheinen mögen. Man bräuchte tausend Hände, und mindestens genauso viele Münder, wenn es zum Beispiel darum geht mit Banken, Behörden und Krankenhäusern zu kommunizieren. Von den dringend benötigten Geldmitteln ganz zu schweigen.
Wahrlich ist die Not ist gross auf der Insel Mallorca , und das Schlimme dabei ist, diese Not war auch und gerade in dieser nun erlebten Form unausweichlich, sie war mit etwas gesundem Menschenverstand klar vorhersehbar, und dies bereits vor Jahren. Nicht wenige haben vor genau dieser Entwicklung gewarnt.
Und dann kam sie unvermittelt, diese eingangs erwähnte Frage, wie immer bei diesem Mann, diesem geistreichen Hochschulgelehrten des Rechts und der Philosophie. Erleben wir eine neue, ganz besonders ausgeklügelte Form des Faschismus? Eine ganz andere, völlig neue, moderne, zuvor noch nie erlebte Form eines Faschismus, der sich seit geraumer Zeit ganz langsam, schleichend in unseren Gesellschaftssystemen ausbreitet?
Und noch während ich dabei bin meine Gedanken zu sammeln, noch bevor ich dazu ansetzen konnte ihm zu entgegnen, fügt er hinzu, während sich eine kleine Zornesfalte auf seiner hohen Stirn bedrohlich aufzurichten scheint, ihn erinnere das immer mehr an die seit Jahrtausenden vorherrschende Diktatur des Beamten- und Politikerapparates in China. Zumindest klar sichtbare Elemente und ihre Auswirkungen auf die Bürgerinnen und Bürger sind immer deutlicher auszumachen.
Die nämlich würden sich zunehmend machtlos fühlen. Ohnmacht und Verzweiflung macht sich weithin breit, ob in Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien oder Grossbritannien. Was tun, wie ist diese Entwicklung, verschuldet von einer inkompetenten, zugleich so unfassbar unbelehrbaren Politik noch aufzuhalten?
Und noch bevor ich überhaupt die Gelegenheit bekam zu einer Replik anzusetzen, erhob sich mein Gegenüber unvermittelt, blickte mich mit einem zugleich fragenden wie gehetzten Blick an und verschwand, irgend etwas murmelnd von Frau und Friseur, und dass er sich freuen würde mich heute Abend oder in den nächsten Tagen in meiner Stammkneipe wiederzusehen.
Ehe ich mich versah, war ich bereits wieder für mich allein, seltsam berührt ob dies überraschenden Geschehens. Nun sass ich da, aufgewühlt in meinen Gedanken, grübelnd über Gott und die Welt, über Mallorca vor allem, und, über das soeben Erlebte. Über eine Fragestellung, die ich leider nicht so vorschnell von der Hand zu weisen vermochte, wie mich dies mein innerer Instinkt spontan anzuweisen schien.
Vielleicht helfen Sie mir, sehr verehrte Leserinnen und Leser. Vielleicht diskutieren Sie diese erschreckende Fragestellung auch einmal mit Anderen oder vielleicht sogar mit mir, direkt hier bei uns, im beliebten, weil besonders herzlichen Mallorca-Forum. Ich freue mich schon darauf:
Ihr Marlon








