Die Russen kommen

Marlon über neue Tourismusstrategien auf MallorcaDie Balearen und da vor allem die Insel Mallorca, was herrschten doch bis vor wenigen Jahren noch geradezu paradiesische Zustände hier. Die Baleareninseln erlebten einen Aufschwung sondersgleichen, über Jahrzehnte hinweg wurde expandiert, insbesondere auf dem ehemals bettelarmen Eiland Mallorca wurde eine ganze Menge Geld verdient.

Da, wo noch in den siebziger Jahren Eselskarren nicht selten das Inselbild beherrschten, waren bereits zwei Jahrzehnte später eine Vielzahl von Luxushotelbauten, Golfplätze, prunkvolle Yachthäfen und noch vieles mehr von den Dingen zu sehen, die dem Betrachter, und, ganz besonders wichtig, vor allem den Mallorquinern selbst, symbolisierten, da läuft etwas, wir haben es geschafft.

Da rollt der sprichwörtliche Rubel, fast alle profitierten davon. Neue Arbeitsplätze, extremer Preiseinstieg für Grund und Boden, selbst nach der durch die Sozialisten um Francesc Antich verursachten zwischenzeitlichen Krise um die Jahrhundertwende schien alles im besten rosaroten Anstrich zu sein.

Dann kam er, Jaume Matas, Präsident der Balearen, vier Jahre ist es gerade einmal her. Scheints von Grössenwahn und-oder Eitelkeit getrieben, letztere bis in alle Haarspitzen hinein, sollte Mallorca plötzlich die Insel der Schönen und Reichen werden.

Zahllose Golfplätze, ein einziger verbraucht auf der um jeden Wassertropfen kämpfenden Insel Mallorca die Wassermenge eines ganzes Inselortes, Prunkbauten noch und noch, mit viel Glück konnte da gerade noch die Semperoper am Hafen von Palma verhindert werden.

Dazu jede Menge Grossprojekte, die Insel wurde in beispielloser Weise zugeteert, und, last but not least, die Ballermänner, in den Augen der Noblesse ohnehin nur Gesocks, über das man höchstens die Nase rümpfte. Diese Ballermänner, die sollten gefälligst und unbedingt weg.

Mit einer beispiellosen büroktarischen Hatz auf Deutsche wie Engländer, mit der Jagd auf Kennzeichen D sei hier nur ein Stichwort genannt, versuchte man noch vor wenigen Monaten im Inselwahlkampf nationalistische Gefühle zu schüren.

In Deutschland, wie auch drüben auf der Insel, reagierte man mit Empörung, nicht wenige alteingesessene Mallorca-Deutsche siedelten bereits damals kurzerhand in das Land hinüber, welches von vielen Experten als das Mallorca der Zukunft angesehen wird, nach Kroatien. Dort soll die Welt noch in Ordnung sein, so, wie sie dies vor dreissig Jahren hier auf Mallorca ebenso gewesen ist.

Das politische Chaos auf den Balearen zeigt sich nicht nur durch Planlosigkeit, scheinbar einhergehend mit Zügen einer an eine Bananenrepublik erinnernden Vetterwirtschaft. Nein, das Tourismusministerium selbst, das Wichtigste aller Ministerien überhaupt, schien völlig konzeptlos zu sein, ein seltsames Eigenleben wurde dort offenbar.

Während aus dem Büro des Balearenpräsidenten die Zukunft der Insel Mallorca als die Insel der Schönen und Reichen verkündet wurde, eine Insel ohne Ballermänner, startete das Tourismusministerium Werbefeldzüge in Polen und Tscheschien.

Während man die angestammten Urlauber aus Deutschland, England auf der einen Seite vergraulte, anstatt sie zum Mittelpunkt allen marketingstrategischen Handelns werden zu lassen, wollte man in Polen und Tscheschien neue Märkte erschliessen. Wie dies mit Schön und Reich zu vereinbaren war, geflissentlich unterliess man es seine Strategie näher zu erläutern.

Wer nun aber gedacht hat, mit der politischen Wende wird nun auch Vernunft in die Amtsstuben des Tourismusministeriums einkehren, der sieht sich angesichts jüngster Meldungen aus diesem Haus auf der ganzen Linie enttäuscht.

Ganz stolz verweist das Tourismusministerium in seiner neuesten Presseverlautbarung auf die starke steigende Zahl russischer Urlauber hin. Und, man fordert energisch von Madrid die Abschaffung der bisherigen Visapflicht, damit noch viel mehr Urlaubsgäste aus Russland hierher kommen könnten. Gleichzeitig verkündet man, dass dies auch für Inder und Chinesen gelten solle, noch dazu will man in Korea auf Kundenfang gehen.

Angesichts dieser Pläne, so sie denn nun tatsächlich umgesetzt werden, woran kaum Zweifel bestehen dürfte, muss man kein sonderlicher begabter Prophet sein, um sich die Reaktionen in den angestammten Urlaubsländern vorzustellen.

Angesichts einer in extremer Weise angestiegenen Bandenkriminalität seit der Öffnung der Grenzen zu Osteuropa, und hier insbesondere seit Inkrafttreten der Reisefreizügigkeitsregelungen für Rumänien und Bulgarien, fragen sich viele bei uns auf Mallorca, wie auch auf den anderen Baleareninseln, wann endlich greift Francesc Antich, der neue Regierungschef in Palma, aktiv in die Politik seiner Tourismusverwaltung ein.

Die Verwaltung eines augenscheinlich völlig überforderten Tourismusministers Francesc Buils ist dabei, Hand in Hand mit der Tourismusvereinigung Mesa del Turismo die Sympathien der bisherigen Vorzeigetourismusregion in den Augen der angestammten Urlaubsgäste nun vollends zu verspielen.

Diese Urlauber sagen zu recht, sie haben Mallorca zu dem gemacht, was es heute ist. Noch dazu hätten sie mit milliardenschweren Steuergeldern via Brüssel quasi auch noch doppelt gezahlt, und, viele von ihnen hätten teure Inselimmobilien erworben, und damit ihren Lebensmittelpunkt hierher verlegt.

Einem Kolumnisten auf Mallorca fällt angesichts der zumindest teilweisen chaotischen politischen Zustände, und unter dem Eindruck der jüngsten Skandale, wie der vom Einsturz bedrohten neu erbauten Metro in Palma, selbst auch nicht mehr viel ein.

Doch, vielleicht eines, nämlich der Satz eines alteingesessenen EU-Insulaners, selbst Eigentümer einer Inselimmobilie. Dieser Mann, selbst ein erfolgreicher Geschäftsmann, gab gerade eben in einer Gesprächsrunde zum Besten, Rette sich wer kann, die Russen kommen. Dies halte ich natürlich für übertrieben formuliert, es zeigt jedoch, welche Ängste die Menschen auf Mallorca bewegen.

Meine ersten Grüße gehen heute einmal an den Mann, der mit seinen jüngsten Äusserungen grosse Irritationen ausgelöst hat. Andrés Melián lautet sein Name, und, dieser verkündete gerade eben im Namen der Tourismusvereinigung Mesa del Turismo, dass man den über 2,5 Milliarden Einwohnern aus Russland, China und Indien die Einreise auf die Balearen und Mallorca erleichtern solle, weil man sonst den spanischen Tourismus beschränken würde.

Gleichzeitig meinte er noch, dass der Tourismus aus Deutschland, England, Frankreich und Italien sowieso nicht mehr oder kaum noch wachsen würde. Ich selbst, ich frage mich allerdings, angesichts dieser hochoffiziellen Aussage einerseits, sowie der seit längerem bereits praktizierten Tourismuspolitik andererseits, ob hier nicht ganz andere Beschränkungen zu attestiert sind. Und zwar bei denjenigen, die für den Tourismus der Balearen verantwortlich zeichnen.

Meine Grüsse nach Deutschland verbinde ich mit dem Zitat einer jüngsten Äusserung des deutschen Verkehrs- und Ost-Ministers Wolfgang Tiefensee von der SPD. Dieser rief die Westdeutschen dazu auf, ihren Urlaub in Zukunft doch in Ostdeutschland zu verbringen. Die Aussage, die bei so Manchem zunächst ein Schmunzeln auslöste, könnte unter dem Eindruck einer balearischen Wirklichkeit vielleicht doch noch einmal eine ganz neue Bedeutung erhalten.

Wie immer auch Grüße an alle anderen hier auf meiner Insel, einer Insel der zunehmenden Planlosigkeit.

Ihr Marlon
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