Exorzisten gesucht

Marlon über trübsinnige Tage auf Mallorca, Exorzisten im Vatikan und anständige PolitikerEinen so trüben Wochentag wie heute möchte der Kolumnist der Insel Mallorca am liebsten vollständig in den Federn verbringen.

Der Himmel verheisst wenig Gutes, auch wenn diese arktisch anmutende Kälte der vergangenen Tage so ganz allmählich zu verschwinden scheint.

Der Blick aus dem Fenster, meine offenkundig von der Frühjahrsmüdigkeit in Mitleidenschaft gezogenen Glieder scheinen mir nur widerwillig gehorchen zu wollen, ungläubig starre, nein, vielmehr blinzele ich auf auf die krausen Wellen eines finster dreinblickenden Ozeans.

Die Bahia de Palma wirkt heute alles andere als einladend, Stumpfsinn und Trübsinn breitet sich in mir aus. Schnell der Blick auf die Inselgazetten, in den wichtigen Sprachen Deutsch, Castellano und Catalan versteht sich, ein netter Nachbar legt mir diese ein jeden Morgen vor meine Wohnungstür.

Doch die Schlagzeilen von heute, sie vermögen meine düsteren Gedanken nicht zu vertreiben, im Gegenteil. Die Immobilienbranche auf Mallorca lässt wieder einmal ihre PR-Muskeln spielen, irgendwo wird es vielleicht doch ein Opferlamm geben, dem man noch allen Ernstes weismachen kann, dass er ruhig weiter diese irrsinnigen Immobilienpreise zahlen dürfe.

Eines jeden neuen Tages steht ein anderer Dummer auf, diese alte Verkäuferweisheit wird man dem gutgläubigen Immobilienkäufer wohl nicht auf die Nase binden, aber irgendwie einseifen, das wird selbst unter den schlechten Rahmenbedingungen von heute irgendwie gelingen.

Ich blättere weiter, mal sehen was es sonst noch so Neues auf Mallorca und anderswo gibt. Der Vatikan sucht dringend 3000 neue Exorzisten, nein, kann nicht sein, ich lese die Zeile ein zweites Mal. Doch es handelt sich leider Gottes nicht um eine Zeitungsente.

Ich schaue zur Sicherheit noch einmal aus dem Fenster, denn es könnte ja sein, dass ich mich doch in einem traumähnlichen Zustand befinde, aber nirgendwo kann ich Scheiterhaufen mit Pfählen erkennen.

Ich befinde mich also nicht im Mittelalter, aber was nicht ist, das kann ja auch schnell wieder werden, der deutsche Papst scheint die unsäglichen alten Zöpfe der katholischen Kirche doch nicht abschneiden zu wollen.

Schade eigentlich, da müssen wir uns nun doch noch für weitere einhundert Jahre gedulden, bis die graue Vorzeit aus den alten Gemäuern des Vatikan entweicht. Oder ist es das Grauen der Vorzeit, die Gedanken an diesem trüben Morgen scheinen irgendwie zu verschwimmen, die Konzentration fällt schwer.

Die deutsche Bischofskonferenz hat denen da unten zum Glück den Vogel gezeigt, die spinnen die Römer, scheint sich da manch einer zu sagen. Während man im Alemannenland, von Vernunft und hellem Geiste gepackt, im Überschwang die zaghafte Forderung nach Abschaffung des Zöllibats erhebt, will man im Vatikan dem freien menschlichen Geiste mit reichlich Exorzismus begegnen.

Fragt sich nur, was und wer genau der Teufel ist, und vor allem wo dieser wohl sitzen mag. Es wird doch nicht alles so ganz anders sein, als wir immer dachten?

Wie dem auch sei, irgendwie stinkt es in unserer Welt, und zwar nicht nur in einem Neapel voller Müll, und auch nicht nur wegen der unheilvollen Macht des Geldes. Und daher legt sich der Kolumnist der Insel Mallorca doch besser noch mal für einige Stündchen hin. Wenn der Blick nach draussen und in die Zeitung schon soviel Unheil bringt, vielleicht träume ich dann wenigstens von etwas Schönem.

Und in meinem ersten Traum grüße ich heute eine aufrechte Politikerin, drüben bei Ihnen verehrte Leserinnen und Leser in Deutschland, da lebt und arbeitet sie. Meine tiefe Hochachtung, mein grosser Rspekt vor einer Spezies Politiker, die doch so unaufhaltsam vom Aussterben bedroht zu sein scheint.

Mit den seltenen Charaktereigenschaften, unbeirrbare Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit vor sich selbst, und ganz besonders, Schamgefühl gegenüber den Wählerinnen und Wählern. Die SPD-Abgeordnete Dagmar Metzger, Verwaltungsjuristin von Beruf, sie zeigt Sitte und Anstand in einer Zeit, in der wir alle zunehmend das Gefühl haben dies gibt es gar nicht mehr.

Vielleicht sollten sich jetzt viele, viele andere, die in allen Parteien im Rampenlicht stehen, ein gutes Beispiel nehmen und schnell reumütig abdanken. Und wenn dann im Zeichen und Zustand der Reue das Bedürfnis nach Läuterung aufkommen sollte, da unten in Rom, da warten sie bereits auf euch.

Meine heutigen Grüße nach Deutschland, sie gehen an die PR-Profis der Deutschen Bundesregierung. Obwohl ihr euch so bemüht, fleissig Schönschmink-Kollagen-Fotos von Bundeskanzlerin Merkel an alle Medien zum Abdruck verteilt, Bilder auf denen die Mundwinkel mit Brachialgewalt nach oben gezogen scheinen, und obwohl ihr mit unnachahmlichem Gleichmut über Jahre hinweg die Mär vom Aufschwung in Deutschland verbreitet, so bröselt dennoch so langsam der Putz in eurem Land.

Immer mehr Menschen glauben euch einfach nicht mehr. Können sie ja auch nicht, denn in ihren Säckeln befindet sich kein Heller mehr. Die Wahrheit liegt nunmal auf dem Platz, und nicht in schönen Fernsehreden, getünchten Bildern, und schon gar nicht in den Massengazetten. Selbst die Doofen im Land merken irgendwann einmal, dass sie pleite sind, und wachen dann aus ihren lethargischen Träumen auf.

Wie immer meine Grüße auch an alle anderen hier auf meiner Insel. Eine Insel Mallorca im kalten, dunklen Wolkenkleid. Eine Insel, auf der sich ein Kolumnist nach weiteren schönen Träumen sehnt, und deshalb noch etwas liegen bleibt.

Herzliche Grüße von der Insel Mallorca

Ihr Marlon

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