Wollt mich verschaukeln

Marlon über eine Reihe von Krisen auf MallorcaDie Stimmung auf Mallorca ist angespannt. Zumindest bei denjenigen, die ihren Lebensunterhalt mit der Arbeit eines Normalsterblichen und den daraus hier üblicherweise gezahlten Vergütungen bestreiten müssen, da herrscht grosse Verunsicherung, wie auch ein erster Hauch ungläubiges Entsetzen.

Die Frage, die an vielen Orten der Insel gestellt wird, was wird da noch auf uns zukommen, in den nächsten Wochen und Monaten. Die Prognosen vieler Experten, sie lassen wenig Gutes erwarten. Mehr und mehr Menschen bekommen finanzielle Probleme, sie kommen mit dem ohnehin knappen Geld einfach nicht mehr aus.

Was viele der Mallorca und Spanien-Touristen nicht wissen, eine grosse Zahl an Familienhaushalten setzt sich zusammen aus Angehörigen dreier Generationen. Was der Fremde sodann vielleicht als die Folge eines besonderen und auch zu bewundernden Zusammengehörigkeitsgefühl sieht, etwas, an dem es in Deutschland in Familiengemeinschaften seit langem schon mangelt, das ist hier in Spanien zunächst einmal eine bitteren Notwendigkeit.

Das grössere, tiefere Zusammengehörigkeitsgefühl in den spanischen Familien, das gibt es unbestritten, nur ist Ursache und Wirkung etwas anders als manch einer sich dies denkt. In Deutschland haben die 68-er den Zusammenhalt der Familien massgeblich zerstört, das Thema wird in den nächsten Monaten und Jahren noch heftige die Diskussionen auslösen, soviel scheint sicher.

Hier in Spanien, und auch auf den Balearen, hier ist es zum Teil noch anders. Die Gründe hierfür, sie liegen in der recht mageren Bezahlung einer durchschnittlichen Arbeitskraft. Die Entlohung für eine ganz normale Arbeitstätigkeit, sie ist sehr gering, insbesondere nach deutschen Massstäben.

Der Schweizer würde gar nicht erst antreten, nicht einmal eine Woche für einen hier in Spanien gezahlten Monatslohn arbeiten. Noch dazu, vor dem Hintergrund der bei den Eidgenossen existierenden Privilegien für Arbeitnehmer würde er die Zustände hier in Spanien gar nicht erst glauben, wenn man ihm dies einmal veranschaulichen würde.

Der Schweizer würde sagen, ihr spinnt, wollt mich verschaukeln. Denn, wenn ich bei mir in der Schweiz mit meiner Maurerkelle am Morgen zur Arbeit komme, dann dauerts nicht lange, dann heissts Znüne, neun Uhr, Frühstückspause ist angesagt.

Ab in eine Beiz, ein Gasthaus, Cafe, Bar, was halt gerade passt, zwanzig Minuten Erholung, ein, zwei Schwätzchen, da kann es auch einmal dreissig Minuten sein, oder gar mehr. Dann zurück zur Baustelle, unser Arbeitstempo könnte in etwa dem von euch hier in Spanien entsprechen, Zmittag ist nicht mehr weit.

Ein Stunde Mittagspause, wie herrlich ist das doch. Dann, der Ranzen so schön voll, zurück auf die Baustelle, Zviere ist nicht mehr weit. Zviere, so nennt man den Kneipengang nach Dienstschluss, man trifft sich auf einen weiteren Plausch.

Maximal acht Stunden am Tag, vierzig Stunden die Woche, pro Tag darf ich auch nur maximal zwei Überstunden machen, das ist Vorschrift. Diese müssen dann entweder durch Freizeit abgegolten werden, oder es gibt fünfundzwanzig Prozent Aufschlag. Wenn ihr euch hier in Spanien ausbeuten lasst, selbst dran Schuld, mit mir macht man das nicht.

Ein Kolumnist aus Mallorca will Ihnen, verehrte Leser, mit diesem Kontrastprogramm heute einmal aufzeigen, es ginge auch anders. Sicher, die Lebenshaltungskosten in der Schweiz sind sehr hoch, jedoch, die Gegenleistung, sie stimmt.

Noch zumindest, denn via Brüssel erhöht man den Druck auf diese Insel der Glückseligen mehr und mehr, sie stört die Macher des neuen, globalen EU-Europas gewaltig.

Hier auf Mallorca nicht, in vielen Regionen Spaniens ists gar noch schlimmer. Und deshalb leben oft mehrere Generationen in einer Wohnung, nicht wie drüben in Deutschland in einem Haus, am besten noch jeder seinen eigenen Hauseingang. In einer Wohnung, beengt würde der Deutsche das nennen.

Die kargen Löhne, sie erlauben es oft nicht, und ausgerechnet jetzt, jetzt kommt es für alle Knüppeldicke. Denn die Löhne bleiben unten, die Kosten gehen rauf, und zwar dramatisch.

Die Damen, und vor allem die Herren der Politik in Europa, in den Hauptstädten der wichtigsten EU-Länder, sie tragen die Schuld. Sie haben die Amerikanisierung der europäischen Gesellschaften verschuldet.

Leistungsorientierung vor allem aus dem Blickwinkel eines Hedge-Fond-Denkens. Hire and Fire, benutzen, auswringen, der Nächste bitte. Es gibt ja genug, die Globalisierung bringt genügend Ersatz, sie kommen aus Afrika, Asien, Südamerika hierher nach Europa, und schaut, sie arbeiten sogar für zwei bis drei Euro die Stunde.

Es soll sogar welche geben, die zufrieden sind, wenn sie genügend zu Essen und zu Trinken haben. Da wollt ihr alle euch doch nicht noch etwa beschweren. Und ausserdem, seid froh, dass wenigstens noch ein erklecklicher Teil der Arbeit hier im Land verrichtet wird, und dies nicht wie vieles andere auch noch in die Billiglohnländer verlagert wird. Outsourcing nennt man das.

Meine ersten Grüße, angesichts der dramatischen Lage in vielen Familien, sie gehen heute wiederum an die Vertreter der Politik, hier wie dort, vor allem in den Hauptstädten des EU-Europas.

Schaut euch nur um, und redet einmal mit den Menschen in eurem Land. Ohne Fernsehkameras, ohne Publicity im Hinterkopf, dann machen sie euch auch mit den ihren Nöten bekannt.

Meine nächsten Grüße nach Deutschland, sie gehen an die SPD. Dort streitet man jetzt immer noch um diese unsägliche Agenda 2010. Traurig und schlimm zugleich, eine Volkspartei, die vor Jahrzehnten wirklich noch sozial dachte und handelte. Wann endlich haut ihr diese Agenda in die Tonne, denn nur da gehört sie auch hin.

Wie immer auch Grüße an alle anderen hier auf meiner Insel, einer Insel des Fiaskos um die neue Metro. Das nächste Mal hierzu mehr.

Ihr Marlon
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