Versager

Marlon auf Mallorca über die Pleite des     Immobilien-Unternehmens Martinsa-Fadesa in SpanienDie Pleite des Immobilien-Unternehmens Martinsa-Fadesa kommt nicht überraschend. Wer sich jetzt über die neueste Entwicklung in der spanischen Immobilienbranche erstaunt zeigt, oder gar mit Entsetzen reagiert, muss sich den Vorwurf gefallen lassen entweder dumm oder völlig ignorant zu sein.

Ein Kolumnist auf Mallorca spricht dies heute bewusst so harsch aus, denn das, was sich in den letzten zehn Jahren in Spanien, und erst recht hier bei uns auf Mallorca, in der Immobilien- und Baubranche abgespielt hat, das musste zwangsläufig in die jetzt beginnende grosse Katastrophe münden.

Der Marktführer Martinsa-Fadesa ist beispielgebend für den Zustand der Immobilienbranche 2008. Der Börsenwert des Unternehmens betrug zum Zeitpunkt der Konkursanmeldung knapp 700 Millionen Euro. Dem gegenüber stehen Verbindlichkeiten in Höhe von sage und schreibe 5,2 Milliarden Euro.

Die Frage, die sich jetzt auch hier wieder stellt, sie lautet, wann bitte meldet sich der Staatsanwalt zu Wort. Die Ermittlungsbehörden müssten eigentlich bereits seit Jahren lautstark Interesse für das Geschäftsgebahren dieser Branche zeigen. Sie tun es aber nicht.

Und wenn nun die spanischen Gazetten, allen voran die grösste Tageszeitung Spaniens El País, übersetzt, das Land, in grosses Entsetzen verfallen und mit Recht prognostizieren, dass die schlimmsten Folgen der Immobilienkrise erst noch zutage treten werden, dann sollte man diesen Ball am besten zurückspielen und lautstark die Frage nach Kompetenz und Qualität des spanischen Journalismus stellen.

Mit nur etwas gesundem Menschenverstand nämlich hätte man bereits vor 5 Jahren die menschengeschaffene Spekulationsblase im spanischen Immobiliensektor erkennen können. Jedoch, von kritischer, oder zumindest mahnender Berichterstattung war weit und breit keine Spur zu sehen. Selbst noch vor einem Jahr, als das Unheil bereits deutlich am Horizont zu erkennen war, nahm diese Journallie ihre Verpflichtung zur seriösen aufklärenden Berichterstattung nicht wahr.

Im Gegenteil, die Journallie blies fröhlich und munter in das Horn, dass ihr die Immobilien- und Baubranche genauso gerne bereitwillig reichte, wie dies die Finanzwelt über viele Jahre tat. Die unheilvolle Verquickung von Politik und Wirtschaft, auf Neudeutsch Lobbyismus, sie kam noch dazu, und das Unheil begann seinen Lauf zu nehmen.

Dass eine sicherlich nicht unerhebliche Portion Korruption das Platzen der Immobilien-Spekulationsblase und den Zusammenbruch der Immobilienbranche noch beschleunigt hat, ist für alle die kein Geheimnis, die die Spielregeln des iberischen Lebens- und Buinessalltags kennen.

Alle Beteiligten haben prächtig daran vedient, und die letzten beissen die Hunde. Und gebissen wird die Mehrheit der spanischen Gesellschaft. Die Leidtragenden sind diejenigen, die am wenigsten für die Situation verantwortlich sind und die sich nicht dagegen wehren können.

Die Macher haben ihre Schäfchen, wie üblich, längst im Trockenen. Die Damen und Herren Politikvertreter sind ohnehin bestens versorgt. Und dort verweist man idealerweise auf die globale Finanzkrise. Das hört sich nicht nur gut und gewichtig an. Man kann damit auch so glänzend von der eigenen Verantwortlichkeit für den Zusammenbruch der Märkte ablenken.

Die Experten warnen bereits vor einer Rezession in Spanien, obwohl das Land längst mitten in einer Rezession steckt. Genauso wie andere Länder in Europa. Die Rezession offiziel zugegeben hat lediglich Dänemark, alle anderen feilen und frisieren weiter fröhlich an ihren Statistiken herum. So ist man es ja nicht nur gewohnt, es hat sich eben auch bestens bewährt.

Wohl dem, der dann auch noch volkswirtschaftliche Gefälligkeitsgutachten präsentieren kann. Denn wer wird schon gegen die Weisen der Wirtschaft argumentieren. Dies traut sich ohnehin kaum jemand.

Und last, but not least, der Mensch glaubt das, was er sieht und dann idealerweise auch noch liest. Bilder sind manipulierbar, des Politkers Antlitz lässt grüssen, und Papier ist bekanntermassen geduldig. Beides, Bild und Wort, kann man wunderbar manipulieren, zumindest solange, bis der Bürger beim Griff in seinen eigenen Geldbeutel dann doch irgendwann die Wahrheit bemerkt.

Mein erster Gruß am heutigen Tage, er geht direkt an einen der Hauptverantwortlichen für die Wirtschaftsmisere in Spanien. Gemeint ist Gerardo Díaz Ferrán, Präsident des spanischen Unternehmerverbandes Confederación Española de Organizaciones Empresariales, kurz CEOE.

Gerardo Díaz Ferrán ist, wie viele andere Wirtschaftsbosse und Funktionäre nicht nur eng verbunden mit der Politik. Er nimmt auch direkt Einfluss auf wichtige politische Entscheidungen, nicht selten sogar auf die Tagespolitik. Da mutet das jüngste Wehgeschreih seines Verbandes doch recht bizzar an.

Es wird Zeit, mein lieber Señor Ferràn, dass ihr, die Hauptverantwortlichen für die Wirtschaftsmisere, jetzt und heute alle einmal öffentlich mit dem eigenen Zeigefinger auf euch selbst zeigt, bevor andere dies tun. Versagt habt nämlich ihr allein, Wirtschaftsverbände, Hand in Hand mit der zumeist wohlfeilen Politik.

Die Bürgerinnen und Bürger können nicht nur nichts dazu. Sie sind schlichtweg die Leidtragenden. Und sie, die Leidtragenden, sie werden auch dann noch die Zeche für eure Misswirtschaft zahlen, wenn ihr alle längst an eurem vielzitierten goldenen Fallschirm baumelt.

Ein Beispiel nehmen könnt ihr euch dabei an der US-Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi, womit ich auch schon direkt bei meinen Grüßen nach Deutschland bin. Diese Grüße richte ich, wieder einmal, und heute besonders scharf, Richtung Deutsche Bundesregierung und alle politischen Parteien des Deutschen Bundestages, wie auch die der Landtage.

Schaut bitte alle nach Übersee. Dort hat eine Dame Namens Nancy Pelosi hat jetzt den republikanischen Präsidenten George W. Bush als völligen Versager bezeichnet. Und zwar öffentlich. Wörtlich sagte sie, nicht irgendeine Dame, sondern die US-Parlamentspräsidentin,

"Gott segne ihn, den Präsidenten der Vereinigten Staaten – einen völligen Versager, der alle Glaubwürdigkeit in den Augen des amerikanischen Volkes im Bereich der Wirtschaft, des (Irak-) Krieges, der Energieversorgung und was sonst noch allem, verloren hat."

US-Parlamentspräsidentin Nancy Pelosis sagt dies vor laufenden Kameras des TV-Sender CNN. Chapeau vor soviel Mut und vor allem auch Selbsterkenntnis. Leider kommt diese viel zu spät, aber immerhin. Hier spricht ja eine der höchsten politischen Mandatträger in den Vereinigten Staaten. Und das ist doch immerhin etwas.

Aber, es wäre doch zu schön gewesen, wenn einer von euch, in der Politik in Deutschland, allen voran Bundeskanzerlin Angela Merkel und Innenminister Wolfgang Schäuble, bereits vor Jahren das Rückrat zu so einer klare Aussage aufgebracht hätte. Denn dies hätte in der Welt des 21. Jahrhunderts, einer Welt des Unrechts und Irrsinns, sehr viel Leid verhindern helfen können.

Wie immer meine Grüße auch an alle anderen hier auf meiner Insel. Eine Insel Mallorca, gebannt abwartend und zitternd vor weiteren Enthüllungen aus der für die Balearen und da ganz besonders für die Insel Mallorca so wichtigen Bau- und Immobilienbranche.

Wer wird als nächstes Konkurs anmelden? Wer ist noch hoffnungslos überschuldet von den Inselimmobilien-Größen? Warten wir's alle ab. Sicher ist nur, es wird einmal mehr schlimmer kommen, als allgemein befürchtet.

Auch auf Mallorca dürfte noch heute nur ein Bruchteil des zu erwartenden Bau- und Immobilinedesasters überhaupt schon bekannt sein. Trotz der Pleite des grössten Bauunternehmens der Insel, der Drac-Gruppe von Vicenç Grande, dem Präsidenten des RCD, unserem Fussballclub Real Mallorca

Herzliche Grüße von der Insel Mallorca

Ihr Marlon

Weitere Artikel in der Rubrik Marlons Gedanken:
  • Die katalanische Pfeife

    Die Dummheit treibt zuweilen schon seltsame Blüten. Diese Aussage trifft der Kolumnist auf Mallorca ausdrücklich in dem Bewusstsein, dass diese Weisheit im Grunde keine...

  • 68 Prozent

    Diese Meldung schlägt ein wie eine Bombe. 68 Prozent aller Immobilien der spanischen Provinzen Katalonien und Aragon stehen zum Verkauf. Der Interessenverband der spanisch...

  • Der äussere Anstrich

    Herrliches Wetter auf der Insel Mallorca, und ein Kolumnist der Insel Mallorca sagt jetzt einfach einmal, wir haben es uns auch verdient. Mallorca ist immer noch so etwas wie e...

  • Ich wandere aus

    Es ist dies ein nachvollziehbarer Wunsch einer wachsenden Schar von Deutschen, ihrer Heimat den Rücken zu kehren, um dann in einem anderen Land ein neues, schöneres Leb...

  • Koalitionsfrage

    Es gibt wieder Hoffnung für unsere Insel Mallorca. Die jüngsten Entscheidungen der Balearenregierung in Palma stimmen frohgemut, und sie zeigen, dass es Francecs Antic...

  • Vor dem Fall

    Das Volk liebt den Verrat, den Verräter jedoch, diesen liebt man nur für eine kurze Zeit. Danach erntet der Verräter nur  Verachtung, eine Verachtung, die sich...

  • Lebenswert

    Hier in Spanien, und damit auch auf der Baleareninsel Mallorca, da gehen die Uhren etwas langsamer. Vor allem natürlich geht es gemächlicher zu als drüben in Deut...

  • Wes Brot ich ess'

    Das ist die Form von Journalismus, die im Zeitalter des Internet immer mehr Einzug erhalten hat, leider auch hier auf unserer Insel Mallorca. Sie wird von Insidern wie auch viel...

  • Der Regen kommt

    Einige der Veranstaltungen hier auf der Insel Mallorca dürften am gestrigen Sonntag buchstäblich ins Wasser gefallen sein. Das Western Festival ist eine davon, der da ob...

  • Das Rampenlicht

    Der grösste aller Rennfahrer hat Mallorca seine Ehre erwiesen. Er wird es sich verdient haben, angesichts seiner wahrscheinlich für alle Zeiten unerreichbar bleibenden s...

  • Die Russen kommen

    Man soll anscheinend verschaukelt werden, hier bei uns auf Mallorca. Wie so oft geht es um richtig viel Geld, nein, noch mehr, um das ganz, ganz grosse Geld. Und um jede Menge E...

  • Die Playa und die Steuern

    Zuckerbrot und Peitsche, dies scheint die Strategie der neuen politischen Kräfte auf den Balearen und Mallorca zu sein. Nach ein paar deftigen Tönen, die für nicht ...

  • Die Meewasseroper

    Wie noch in einigen anderen Ländern, so fällt das Fest der leibhaften Gegenwart Christi, kurz Fronleichnam, auch in Spanien auf einen Sonntag. Jedoch ist der heutige T...

  • Balla, Balla

    Er ist ein Mann, der dieser Tage dafür sorgt, daß die Insel Mallorca wieder einmal die Schlagzeilen bekommt, die sie verdient. Schlagzeilen, die das Interesse der Mensc...

  • Die Demokratie-Frage

    Ausgerechnet ein Mann jenseits des eisernen Vorgangs, beinahe hätte ich gesagt aus dem Jenseits des ehemals eisernen Vorgangs, musste die jahrezehntelangen Demokratien daran...

  • Mallorca nach dem Sturm

    Was für ein Wetter. Welch ein Tag. Typisch Mallorca. Die Sonne lacht, keine Wolken. Das Blau des Himmels strahlt Optimismus aus. Man braucht ihn, man saugt ihn auf wie ein Le...

Diesen Artikel bookmarken:

Mr. WongWebnewsIcioOneviewLinkarenaFavoritenSeekxlKledy.deSocial Bookmarking ToolBoniTrustBookmarks.ccFavitNewskickNewsiderLinksiloReadsterFolkdYiggDiggDel.icio.usRedditJumptagsSimpyNetscapeFurlYahooSpurlGoogleBlinklistBlogmarksDiigoTechnoratiNewsvineBlinkbitsMa.GnoliaSmarking
© 2005-2008 power-labels.com - Intelligente Internet Lösungen