Die Geschmacksfrage

Marlon über die Leserreaktion auf seine Kolumnen auf Mallorca und da vor     allem auf die Kolumne mit dem Titel schlechte GewohnheitenWie immer, wenn ein Kolumnist sich Fragen des alltäglichen Geschmacks widmet und dann, nach Hinterfragung nicht selten gegensätzlicher Standpunkte oder auch Gesichtspunkte, sein mehr oder weniger neutrales oder auch subjektives Urteil zum Besten gibt, erhält er Zuspruch oder aber auch Kritik.

Da dies nunmal in der Natur der Sache liegt, muss dieser Kolumnist sich auch daran gewöhnen. Und wenn er dies nicht vermag, dann ist er fehl am Platze. So und nicht anders geht es selbstverständlich auch mir, der ich schon viele Jahre als Inselkenner auf Mallorca weile, und dem die Insel ganz besonders ans Herz gewachsen ist.

Ich versuche zumeist mein Möglichstes, meinen Kommentar über das Gute wie das Schlechte sorgfältig abzuwägen. Bliebe ich dabei immer fehlerlos, würde es mir ganz sicher den Angstschweiss in meine Denkerstirn treiben, da ich in diesem Fall treffsicher und ganz genau wüsste, dass in meiner Person entweder der Liebe Gott oder aber der Leibhaftige schlummern müsste.

Zu Plasphemie neige ich allerdings nicht, weit gefehlt. Auch wenn ich mich nicht selten so schön diebisch freuen kann, wenn es mir wieder einmal gelungen ist, etwas erfolgreicher als manch Anderer zwischen den Zeilen zu lesen, so bitte ich darum dies dennoch nicht als teuflisch zu bezeichnen. Also geht es mir wie allen Menschen auf der Welt.

Kolumnen spiegeln regelmäßig auch die Meinung desjenigen wieder, der sie verfasst. So ist es auch bei mir. Wieso ich das hier alles so groß und breit niederschreibe, möchten Sie, meine lieben Leser, doch bestimmt auch gerne in Erfahrung bringen. Sie erinnern sich doch noch an meine Kolumne vom Freitag, mit dem Titel Schlechte Gewohnheiten. Während ich diese verfasste war ich mir durchaus bewußt, daß ich damit polarisieren kann. So ist es nunmal, wenn man Fragen des täglichen Geschmacks kommentiert.

Die Reaktion hierauf hat mich dennoch überrascht. Neben einer ganzen Reihe schulterklopfender, weil zustimmender Meinungen, erreichte mich heute morgen auch aufs Schärfste formulierte Kritik. Ein Inselkenner, vielleicht ist es auch eine Inselkennerin, wirft mir völlige Unkenntnis der Inselsituation vor.

Ich würde den klischeehaft schlechten Ruf noch weiter zementieren, dabei sei es völlig anders. Nicht die italienische, und schon gar nicht die französische, sondern die spanische Küche sei weltweit eine der kulinarischsten. Und im europäischen Restaurant-Ranking würden Stelle eins und zwei Restaurants aus Spanien belegen.

Ohne dies jetzt näher geprüft zu haben, da ich in meiner Kolumne bewusst das Normalpreisige Restaurant ansprach, gebe ich einmal grundsätzlich zu bedenken, unter welchen Wettbewerbs-Bedingungen das Ranking in nicht wenigen sogenannten Gourmetführern zustande kommt. Dabei geht es nämlich auch um sehr viel Geld und es soll dort mit harten Manschetten zugehen, wie man gelegentlich vernehmen kann.

Auch möchte ich jetzt nicht in Erfahrung bringen, wer denn da in diesen Spitzenrestaurants die größte aller Kochmützen auf seinem in ganz sicher hohen Maße kulinarischen Schädel hat. Ich sprach den ganz normalen Durchschnittsbetrieb auf Mallorca an, und wenn die spanische und mallorquinische Küche so gut sein soll, wieso präsentiert man sie dann einfach nicht.

Bis auf den einen oder anderen Geheimtip, den man als alter Mallorca-Hase natürlich kennt, schiebe ich nach wie vor am liebsten Hunger, oder ich kaufe mir eine Stulle und etwas Wurst oder Käse. Dabei kann man überhaupt nichts falsch machen. Und billiger ist es noch dazu, auch wenn ich lieber ein Gläschen Wein dazu kredenzt bekäme.

Nicht daß man mich nun mißversteht. Dabei geht es nicht ums lieb Geld. Gerade weil ich mich zu den höchst sinnlichen Menschen zähle, erlebe ich ein zu oft wenig liebevoll, zuweilen merkwürdig zurechtgepanschtes oder gar nicht frisches Essen als ein Attentat auf meine höchst positive Lebenseinstellung.

Und wer mich vom Gegenteil überzeugen will, der soll mir flächendeckend normalpreisige Gaststuben auf meiner Lieblingsinsel Mallorca zeigen. Er soll Ross und Reiter nennen. Und dann werde ich dort einmal hineinspazieren, ohne Vorankündigung und ganz anonym selbstverständlich.

Aber wehe, wenn diese Hinweise sich dann doch als heiße Luft erweisen sollten. Die Rache eines Kolumnisten kann auch einmal ganz besonders schrecklich sein.

Auch wenn das gerade zuletzt Gesagte ein augenzwinkender Scherz gewesen ist, dem mir in genau diesem Moment ein gewisser Schalk auf meine erneut scharfe Zunge legte, mein heutiger erster Gruß ist ganz sicher nicht als Scherz gemeint. Denn ich grüße jetzt noch einmal, von ganzem Herzen und vor allem herzlich, alle Inselköche.

Beweist es nun endlich. Zeigt diesem vom kulinarischen Elend gebranntmarkten Kolumnisten, was eine Harke ist. Zeigt ihm, was eine frische Inselküche ist. Denn dann wird er auch nicht nur zu Kreuze kriechen. Nein, viel mehr noch. Er wird dies sogar noch mit einer fast schon an Wollust grenzender Hingabe tun.

Denn neben einer wunderbaren Frau in meinen Armen, einem guten Gläschen Wein und meiner geliebten Zigarre, gehört zu den sinnlichsten aller meiner Vergnügungen noch die Liebe, die bekanntermaßen auch bei mir durch den Magen geht..

Es ist jetzt Montag Mittag auf Mallorca. Herzliche, wie deshalb auch hungrige Grüße gehen heute hinüber nach Deutschland, und, wie soll es anders sein, natürlich auch an alle hier auf meiner Insel,

Herzliche Grüße von der Insel Mallorca,

Ihr Marlon
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