Aufschwung und Armut

Marlon über die sinkenden Nettolöhne in Deutschland und auf MallorcaWeit mehr als die Hälfte aller Balearen fristen ihr Dasein in unzumutbaren Lebensbedingungen.

Die Meldung des spanischen Statistikamtes, sie macht in der Vorweihnachtszeit die Runde, und, auf unserer Insel Mallorca sind die Zustände ganz besonders schlimm.

Im Grunde müsste ein Aufschrei quer durch alle gesellschaftlichen Schichten gehen, nicht nur hier auf Mallorca, sondern generell in Europa. Spanien und Mallorca liegen im europäischen Trend, der da lautet, es wird zwar haufenweise Geld verdient, dieses jedoch wandert in die überquellenden und nimmersatten Taschen einiger Weniger.

Die Folgen eines ununterbrochenen Einwanderungsstroms aus den ärmsten Regionen unserer Welt, hier auf Mallorca kommen sie vor allem vom afrikanischen Kontinent, sehr viele auch aus Südamerika, und mittlerweile auch in grosser Anzahl aus Osteuropa.

Die Folgen auch einer ungezügelten Globalisierungspolitik, vorangetrieben von Lobbyisten in Politikergewändern, das Credo lautet nun schon seit Jahren, wir transportieren die Arbeit in die ärmsten Länder dieser Welt, dort wird diese Arbeit, die einst eure gewesen, bereits für fünfzig Cent am Tag erledigt.

Fabrikarbeit, aber auch Handarbeit, das Handwerk hat schon lange keinen goldenen Boden mehr. Nicht selten Kinderarbeit und sogar Sklavenarbeit an sieben Tagen jede Woche, mit weit mehr als zehn Arbeitsstunden pro Tag, auch in jenen Ländern profitieren nur ganz wenige Nimmersatte davon, dass Hunderte von Millionen Menschen ein geradzu erbärmliches Leben fristen.

Eines jedoch vereint die armen Regionen dieser Welt mit den alten Industrienationen, hier in Europa, wie auch anderswo. Von der Not einer grossen Zahl profitieren hier wie da nur einige magere Prozent, zudem natürlich auch die Vertreter der Politik.

Da passt es geradezu wie die Faust aufs Auge, wenn, ebenfalls in diesen Tagen, eine andere Studie die Runde macht. Es ist der neue Einkommens-Verteilungsbericht, den das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut, kurz WSI, eine Forschungseinrichtung der Hans-Böckler-Stiftung, der deutschen Öffentlichkeit vorstellt.

Darin heisst es, neben vielen anderen erschreckenden Offenbarungen, Die Kaufkraft der Arbeitseinkommen macht nur noch rund ein Viertel der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage aus, was auf gut Deutsch bedeutet, dass nur noch fünfundzwanzig Prozent des in Deutschland ausgegebenen Geldes von Nettolöhnen stammt.

Alleine daran können die Beschäftigten in Deutschland ihren eigenen Stellenwert ablesen, vor allem dann, wenn Bundeskanzlerin Merkel wieder einmal ihre bizarren Aufschwung-Flötentöne von sich gibt. Man kann es schon gar nicht mehr hören.

Mallorca und Deutschland, oder auch in ganz Europa, nehmen wir einmal die skandinawischen Länder, Luxemburg und natürlich auch die Schweiz einmal aus, überall ist die Entwicklung gleich. Viel Geld für ganz wenige, die Arbeit jedoch, sie verteilt sich auf die Schultern derjenigen, die sich immer öfter nicht einmal mehr einen ausreichenden Zahnersatz leisten können.

Meine heutigen Grüsse gehen zunächst an die Universität in Frankfurt am Main, genauer, direkt in das Institut für Deutsche Sprache und Literatur II, an den Chef, Prof. Dr. Horst D. Schlosser. Seit 1991 wird genau dort über das Unwort des Jahres entschieden. Alle Bürgerinnen und Bürger können sprachliche Missgriffe vorschlagen, sie können Begriffe und Wörter nennen, die ihnen besonders negativ auffallen.

Ich schlage vor, das Unwort des Jahres, oder sollte man sogar sagen der letzten Jahre, das Wort Aufschwung. Wer es ebenso wie ein Kolumnist auf Mallorca sieht, der schreibt da einfach jetzt mal hin. Es wäre längst Zeit, wenigstens eine der politischen Nebelbomben anzuprangern.

Das Unwort des Jahrzehnts, so könnte man das Unwort Aufschwung auch nennen, denn es ist ein besonders trauriges Unwort dazu. Es bezeichnet den Aufschwung alleine nur bei etwa zehn bis zwanzig Prozent der Menschen in Europa, inklusive der Damen und Herren Politikvertreter selbstverständlich. Wenn es denn überhaupt so viele sind.

Für die meisten anderen verbindet sich mit dem Unwort Aufschwung vor allem sinkende Nettolöhne, der stetige Verlust der Kaufkraft, und das letztendliche Abgleiten in die Armut. Mit dem Aufschwung in die Armut, wann wird diese Schlagzeile allerorten zu lesen sein.

Meine nächsten Grüsse, auch sie gehen nach Deutschland, an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages. Der Aufschwung geht an der Mehrheit der Menschen in Deutschland vorbei, sie werden ärmer und ärmer. Ihr verweigert ihnen selbst den Mindestlohn, und wenn er auch noch so erbärmlich ist.

Eine Bezahlung, für die ihr nicht einmal fünf Minuten euren Griffel hebt. Ihr persönlich habt scheints mit den Menschen im Land nicht besonders viel am Hut, aber die knapp zehn Prozent Lohnsteigerung, die ihr euch soeben habt gegönnt, die tun euch dagegen so richtig gut.

Wie immer auch Grüße an alle anderen hier auf meiner Insel. Eine Insel der ärmlichen Wohnverhältnisse.

Herzliche Grüße von der Insel Mallorca

Ihr Marlon
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